Demo, 16.4.2016, 17h, Kartoffelmarkt: Solidarität mit dem Widerstand von Maraş

In der südostanatolischen Provinz Maraş wird von der staatlichen Hilfsorganisation AFAD ein Containerlager errichtet, in dem Geflüchtete aus Syrien angesiedelt werden sollen. So richtig es ist, den durch Krieg und Terror aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen in der Türkei Schutz und eine neue Bleibe zu bieten, so brisant ist dies an diesem Ort. Denn das Camp, das syrischen Sunnitinnen und Sunniten Aufnahme bieten soll, wird inmitten einer mehrheitlich von Angehörigen der alevitischen Religionsgemeinschaft bewohnten Region errichtet. Die Alevitinnen und Aleviten sehen sich seit Gründung der Türkischen Republik Unterdrückung und Zwangsassimilation bis hin zu Massakern ausgesetzt. Bis heute existiert keine Gleichberechtigung der Alevitinnen und Aleviten, ihre Glaubensstädten werden nicht anerkannt, ihre Kinder müssen islamischen Religionsunterricht besuchen und das staatliche Religionsamt warnt vor Ehen mit Aleviten, die sich nicht als Muslime verstehen. Insbesondere wenn sich das Alevitentum mit der kurdischen Identität verband, wurde und wird es vom Staat sowie faschistischen und islamistischen Gruppierungen zum Feind erkoren. In Maraş sind die Erinnerungen an das Pogrom vom Dezember 1978 noch lebendig. Damals massakrierten die faschistischen Grauen Wölfe aufgehetzt durch Hasspredigten von Imamen örtlicher Moscheen hunderte alevitische Männer, Frauen und sogar Babies. Über 800 zuvor mit roten Kreuzen als „alevitisch“ kenntlich gemachte Häuser und Betriebe wurden geplündert. Noch heute ist der Terror präsent, immer wieder werden die Türen von Alevitinnen und Aleviten, Linken oder Oppositionellen mit Kreuzen markiert, ein Zeichen, dass diese Personen auf Todeslisten stehen.

In Maraş will der türkische Staat jetzt 27.000 sunnitische Syrerinnen und Syrer in einem Containercamp ansiedeln. Das Alevitentum als eine humanistische Glaubenslehre war und ist nie gegen andere Völker oder Glaubensgemeinschaften gerichtet. In der Vergangenheit haben Alevitinnen und Aleviten ihre Türen immer für Geflüchtete oder Verfolgte geöffnet, so im Ersten Weltkrieg für die von ihrer Auslöschung bedrohten Armenierinnen und Armenier. Doch angesichts der aktuellen Pläne der türkischen Regierung besteht bei den Alevitinnen und Aleviten die Befürchtung unter der alevitischen Bevölkerung, dass sie dadurch weiteren Massakern, Verfolgung und Verdrängung ausgesetzt sein wird. Denn mehrfach haben sich die AFAD-Camps als Stützpunkte dschihadistischer Terrororganisationen wie des IS und der Nusra-Front entpuppt, die hier Anhänger rekrutierten, ausbildeten und nach Syrien schicken. In den Augen radikaler Islamisten und Dschihadisten sind die Alevitinnen und Aleviten „Ungläubige“ oder vom Islam Abtrünnige, die getötet werden dürfen. Unverhohlen haben Dschihadisten in Syrien angekündigt, zukünftig auch gegen die Aleviten in der Türkei vorzugehen. Die monistisch, türkisch, sunnitisch-islamisch eingestellte Regierung der Türkei, scheint mit der geplanten Ansiedlung der Geflüchteten eine demographische Änderung in der Region vornehmen zu wollen. Die Alevitinnen und Aleviten in Maraş aber auch dort lebende Sunnitinnen und Sunniten befürchten dadurch eine Verschiebung des sensiblen und angespannten Gleichgewichts zwischen den Glaubensgemeinschaften in der Region, so dass es zu erneuten Spannungen und Feindschaft kommen kann. Die Folgen wären nicht nur lokal, sondern in der ganzen Türkei zu spüren. Nach den Kurdinnen und Kurden sollen jetzt die Alevitinnen und Aleviten als neuer innerer Feind aufgebaut und angegriffen werden. Hierfür instrumentalisiert die türkische Regierung die aus Syrien Geflüchteten in einer ebensolchen Weise innenpolitisch, wie sie diese außenpolitisch gegenüber der EU in grausamer Weise als Druckmittel nutzt.

Tag für Tag, Woche für Woche, steigern sich die Angriffe des Erdogan-Regimes insbesondere auf die kurdische Bevölkerung aber auch jede Form von Opposition in der Türkei. Nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD wurden in den letzten sechs Monaten die Identitäten von über 600 Männern, Frauen und Kindern festgestellt, die von „Sicherheitskräften“ des türkischen Staates massakriert wurden. Der Staat greift bei seiner antidemokratischen Politik gegen die kurdische Bevölkerung auf dschihadistische Banden zurück. Er unterstützt weiterhin in Syrien den IS und andere Gruppen, welche die kurdische Zivilbevölkerung nicht nur in Aleppo terrorisieren. Nördlich der syrischen Grenze im türkisch besetzten Nordkurdistan agieren die dschihadistischen Banden unter dem Deckmantel von Spezialeinheiten und nennen sich Esadullah – „die Löwen Gottes“, der Name ist ein anderer, der Terror ist der gleiche. Menschen werden erschossen, lebendig verbrannt, an Panzern durch die Stadt geschleift. Im Moment sind alleine in der Stadt Nusaybin 35.000 Menschen vom Militär eingeschlossen, die Stadt wird seit einem Monat bombardiert und mehr als 1.500 Häuser liegen in Trümmern.

Eine wichtige Schnittstelle, über die das türkische AKP-Regime immer wieder Kontakte zum  IS und Al Qaida geknüpft hatte, stellt die staatliche Organisation AFAD dar, welche auch für die Einrichtung von Flüchtlingslagern zuständig ist. Während sich die Türkei brüstet, mehr drei Millionen Flüchtlinge aufgenommen zu haben, werden nur 250.000- 300.000 in solchen Lagern versorgt. Die große Mehrheit steht als billige Arbeitskräfte zur Verfügung und ist gezwungen auf der Straße zu leben. Die von linken prokurdischen Parteien gestellten Stadtverwaltungen auf türkischem Staatsgebiet haben daher Unterbringungen für hunderttausende Geflüchtete in ihren Gemeinden organisiert. Während in diesen kommunalen Camps versucht wird, eine demokratische Selbstverwaltung aufzubauen, sieht es in den von eher mit NATO-Draht und Wachtürmen befestigten Kasernen gleichenden AFAD-Camps ganz anders aus. Hier dominieren Dschihadisten das Bild, die mit Unterstützung des türkischen Geheimdienstes MIT Anhänger rekrutieren. Diese Dschihadistan kämpfen dann in Syrien oder in der Türkei gegen die kurdische Selbstverwaltung. So wurde bei einigen Mitgliedern der genannten Esadullah Teams festgestellt, dass sie syrische Ausweise besaßen und nicht einmal Türkisch sprachen.

Vor diesem Hintergrund leistet die Bevölkerung von Maraş Widerstand gegen dieses Lager. Es stellt eine humanistische Notwendigkeit da, diesen Widerstand zu unterstützen.

NAV-DEM 
Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e. V.